Interview | „Paris soll der Saisonhöhepunkt sein“

  24.07.2024    WLV BLV Top-News BLV BW-Leichtathletik Top-News BW-Leichtathletik Leistungssport
Anfang 2024 ist Malaika Mihambo nach ihrer Muskelverletzung, die sie zum Verzicht auf die WM 2023 in Budapest gezwungen hat, wieder in die Weltspitze zurückgekehrt. Mit 7,22 Meter bei der EM in Rom hat sie ihre Ansprüche auf einen zweiten Olympiasieg nach Tokio 2021 in Paris angemeldet. Danach wurde sie erneut von einer Corona-Erkrankung ausgebremst. Im Interview vor den Olympischen Spielen schaut sie nicht nur auf die besten Sprünge in der Weitsprunggrube, sondern auch auf ihre persönliche Entwicklung und zeigt sich kritisch bezüglich gesellschaftlicher Entwicklungen.

Das Interview führte Ewald Walker

Malaika Mihambo, wie sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf vor den Olympischen Spielen in Paris zufrieden?

Es ging für mich am Anfang des Jahres darum, einfach zurückzukommen nach der Verletzung im letzten Jahr. Wir haben dafür einige Umstellungen im Training vorgenommen. Im Bereich des Krafttrainings haben wir mehr Trainingseinheiten und neue Inhalte durchgeführt. Das hat gute Früchte getragen. Die Hallensaison war schon sehr vielversprechend. Anfang der Saison hatte ich das noch nicht zeigen können. Aber es war klar, dass da mehr drin ist.

 

Das haben Sie bei der EM in Rom mit 7,22 Meter, mit dem zweitweitesten Sprung ihrer Karriere nach den 7,30 Meter von Doha 2019 schon bewiesen…

Dabei hatte ich mich bei der EM in Rom schon in der Qualifikation nicht mehr gut gefühlt, da war schon der Infekt (Anm: sie hatte danach erneut Corona) im Anmarsch. Von daher weiß ich, dass ich mir noch mehr zutrauen kann. Zudem kann ich jetzt noch vier Wochen trainieren, um die ganzen Trainingsmittel auszureizen. Allerdings zeigt der Infekt seine Auswirkungen und ich muss erstmal kleine Schritte machen. Es war immer klar, dass der Saisonhöhepunkt nicht in Rom sein sollte, sondern bei den Olympischen Spielen in Paris.

 

Wie sieht die Vorbereitung auf Paris aus?

Neben dem Training waren dies noch die Starts in der Diamond League in Paris und London. Nach harten Trainingswochen verliefen diese recht zufriedenstellend.

 

Sie mussten bei der WM in Budapest wegen eines Muskelfaserrisses und auch wegen Krankheiten passen. Dies gehört zum Leistungssport offensichtlich dazu...

Ja, das lässt sich nicht vermeiden. Man muss natürlich sagen, dass Corona ein anderer Infekt ist als eine normale Erkältung. Bei mir war es wieder so, dass meine Lungenfunktion reduziert war, genauer gesagt, die Gas-Austausch-Funktion. Auch meine Muskeln, mein ganzer Körper, sind gerade noch nicht so belastbar wie zuvor. Da muss ich schauen, dass ich schnell genug fit werde. Im schlimmsten Fall kann es sein, dass ich in Paris nicht sechs Sprünge machen kann.

 

Drei Deutsche in Europa unter den besten Acht, das hat es nach Aussage Ihres Trainers und Bundestrainers Ulli Knapp noch nie gegeben. Wie sehen Sie diese Situation der deutschen Weitspringerinnen vor Olympia?

Es ist sehr gut, dass es beim Nachwuchs wieder verstärkt Konkurrenz gibt, weil dieser Konkurrenzdruck dazu führt, dass sich keiner ausruhen kann und wir dadurch noch besser werden. Dies ist die beste Grundlage für die Spiele in Paris.

 

Malaika, Sie haben alles gewonnen: Olympische Spiele, je zweimal Weltmeisterschaften und Europameisterschaften, waren 14 Mal deutsche Meisterin. Was ist Ihre Motivation, Ihr innerer Antrieb, so lange im Hochleistungssport dran zu bleiben, so lange trotz der vielen Erfolge? Sie könnten sich ja auch zurücklehnen und sagen: das war’s...   

Es geht für mich nicht um diese äußeren Erfolge. Mir geht’s darum: wie kann ich meine Grenzen verschieben, wie kann ich lernen, mich noch besser zu entwickeln, wie kann ich noch besser trainieren, um meine Qualität nach oben zu verschieben und zu schauen, wie weit ich dann springen kann. Gleichzeitig ist es für mich immer auch eine innere Meisterschaft. Wie entwickle ich mich weiter, wo stehe ich gerade, welche Sprünge habe ich gemacht, nicht nur in die Grube sondern auch in der persönlichen Entwicklung?

 

Sie sind derzeit vielleicht die populärste deutsche Sportlerin. Was macht diese Popularität mit Ihnen?

Im besten Fall nichts. Ich freue mich natürlich, dass ich von vielen wertgeschätzt werde, dass viele die Wettkämpfe verfolgen. Gleichzeitig fühle ich mich nicht als anderer Mensch, ob ich jetzt Olympiasiegerin bin oder nicht, ob ich gewinne oder nicht, das macht nichts mit meinem Selbstgefühl.

 

Sie haben für Ihren Disziplinsieg aus Weitsprung, Hochsprung und Dreisprung bei der EM in Rom eine Prämie von 50000 Euro erhalten. Manche Leichtathleten mögen neidisch gewesen sein, die Fußballer lachen über dieses Geld für einen entsprechenden Erfolg. Welche Rolle spielt für Sie das Geld in der Leichtathletik?

Ich bin natürlich in der schönen Lage, durch meine Erfolge vom Sport leben zu können, auch weil ich inzwischen viele Partnerschaften habe und mich voll und ganz auf den Sport konzentrieren kann. Gleichzeitig ist es aber so, dass es vielen Athleten nicht so geht. Viele arbeiten halbtags oder gar in Vollzeit. Es verdient größte Hochachtung, dass viele den Spagat zwischen Beruf und Hochleistungssport schaffen. Ich weiß, dass es in der Leichtathletik Vielen nicht so geht wie mir. Ich schätze mich glücklich. Deshalb ist die Unterstützung durch Sporthilfe, Bundeswehr und Bundespolizei und auch den DLV so wichtig.

 

Haben Sie die Verwendung der EM-Prämie schon geplant, beispielsweise für eine große Reise, Sie gehen ja gerne ins Ausland weit weg?

Wer mich kennt, weiß, dass meine Reisen ‚low budget’ erfolgen. Ich überleg mir mal, wenn ich was Größeres im Sinn habe, was ich damit mache.

 

Die Situation der deutschen Leichtathletik ist nach Eugene 2022, München 2022, Budapest 2023 und zuletzt in Rom in einem Wellental. Wie bewerten Sie als erfahrene Athletin die Gesamtsituation der deutschen Leichtathletik?

Ich versuche, dies differenziert zu betrachten. Es gab sicher einige Athleten, denen in den letzten Jahren das notwendige Glück gefehlt hat, so dass es am Tag X ‚nur‘ einen vierten Platz statt eine Medaille gab. Dann gibt es viele Athleten, die für sich einen guten Wettkampf gemacht haben mit Bestleistungen, und dies sollte man auch anerkennen. Natürlich geht es in manchen Disziplinen darum, den Anschluss zu finden. Dies ist eine Frage, die man langfristig beantworten und Lösungen finden muss.

 

Vermeintlich kleinere Länder wie die Schweiz, Niederlande oder Belgien waren zuletzt erfolgreicher als die deutsche Leichtathletik...

Ja, es gibt Länder, die einfach mehr in ihren Sport investieren. Klar. Mehr Geld ist nicht immer gleich mehr Erfolg, dies erhöht aber die Chancen. Und wenn man mehr Geld hat muss man trotzdem noch gut überlegen, wofür man es einsetzt. In den letzten Jahren investierte gerade die Schweiz mehr in die Leichtathletik, genau wie die Niederlande. Und wenn man sieht, was in den USA in der Leichtathletik an Geld dafür zur Verfügung steht, bringt dies ganz andere Möglichkeiten und dadurch auch mehr Potenzial für Erfolge.

 

Sie haben zuletzt ein bemerkenswertes Buch („Spring dich frei“) mit geschrieben. Sie haben darin ihre berührende Lebensgeschichte veröffentlicht, mit Ihren Rassismuserfahrungen als Kind, sie haben darin Denkanstöße und Impulse für Krisensituationen aus Ihren Erfahrungen geliefert. Welche Reaktionen haben Sie bekommen?

Ich bin sehr zufrieden mit diesem Buch und habe schon viel positives Feedback bekommen von Leuten, die sich für die inspirierenden Impulse bedankt haben.

 

Ihre Anstöße zum Rassismus auch im Sport haben zuletzt wieder Aktualität erhalten, als der frischgebackene 9,99-Sprinter Owen Ansah, dessen Eltern aus Ghana stammen, nach seiner goßartigen Leistung in den sozialen Medien beschimpft wurde. Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye berichtet von denselben Erfahrungen…

Ich möchte es auf den Punkt bringen: wir haben in unserer Gesellschaft ein Problem mit Rassismus, und das seit Jahren. Es wird jetzt offensichtlicher als früher. Manche Menschen, die ihre rassistischen Meinungen und Haltungen früher unter vorgehaltener Hand geäußert haben, stellen dies jetzt offen zur Schau. Das hat sich geändert. Das zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass wir uns alle dafür einsetzen, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben, dass dies kein Selbstläufer ist. Jeder Einzelne in der Gesellschaft muss daran arbeiten, denn jeder ist an diesem Thema beteiligt: entweder als Opfer, Täter oder Zuschauer. Es darf keine Zuschauer geben. Gleichzeitig geht es auch darum durch Bildung aufzuklären und gemeinsame Werte in der Gesellschaft zu stärken. Da sind alle gefragt: Medien, Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft.

 

Und Sie werden weiter an diesem Thema dranbleiben?

Es geht aber nicht nur um Rassismus. Das Problem liegt in der Struktur unserer Gesellschaft. Und so ist es eine Vielzahl von Menschen, die zwar auf dem Papier per Gesetz gleichberechtigt sind aber deren Lebensrealität nicht gleichberechtigt ist. Das betrifft beispielsweise Frauen genauso wie nicht binäre Menschen oder Mitglieder der LGTBQ+ Community. (Anm.: dies ist ein Sammelbegriff für Menschen mit abweichender sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität)

 

Welche Lebensziele hat Malaika Mihambo noch?

Ich kann mir vorstellen, mal eine Familie zu haben und auf dem Land zu wohnen. Gleichzeitig bin ich auch daran interessiert, die Welt zu sehen und auch daraus zu lernen. Weil ich weiß, dass ich nicht immer Sport machen kann, freue ich mich, wenn ich dann mal einen Weg finde, wie ich das, was ich inzwischen gelernt habe, weitergeben kann, ob das Wissen aus dem Sport kommt oder den Umwelt- und Politikwissenschaften. Um vielleicht dazu beizutragen, dass die Welt ein bisschen besser wird.

 

Ihr Trainer Ulli Knapp ist seit vielen Jahren Ihr Wegbegleiter. Was verbindet Sie beide?

Das Besondere an Ulli ist, dass er sehr feinfühlig ist. Er nimmt sich selbst nicht so wichtig, ist selbstlos und kann viel geben. Wenn wir alle mehr geben würden, als wir nehmen, wäre diese Welt ein schönerer Ort.

Ewald Walker / blv